Eröffnungsrede von Professor Frank Padberg 

zu sphere II, Orangerie München (am 27.1.2017)

 

Kunst und Wissenschaft sind ungleiche Geschwister, beide aber Kulturformen des Menschen mit Potential zum kontemplativen Selbstzweck im Guten. Wie Georg Gaigl schon gesagt hat, geht es heute um Bilder und deren Korrelate in uns, weshalb hier kein Kunsthistoriker steht sondern ein Psychiater, der sich auch mit Neurowissenschaften beschäftigt.

Es geht um Ihre Bilder, um Ihre Bilder im Inneren und in der Außenwelt, im Wachen und im Träumen, lebendige vielfältige Bilderwelten, die im Sekunde und Subsekundenbereich kommen und gehen. Ihren Bilderwelten bietet Georg Gaigl heute neue Bilder an und fordert sie damit heraus.

Das Thema „Art meets Neuroscience“ ist nicht neu. Im Oktober 1978 präsentierte der Wuppertaler Ästhetikprofessor Bazon Brock im Rahmen des Steirischen Herbstes in Graz „Die neurophysiologischen Grundlagen jeder Ästhetik“. Mit der ‚Neuronalen Ästhetik‘ sollte der Versuch gekennzeichnet werden, die begriffliche Fassung neuronaler Prozesse selber als ästhetische Operation zu entfalten. Brock sprach damals vom Gehirn als dem „Weltbildapparat“, was für uns heute fast altertümlich klingt. "Die uns zugängliche Welt ist die Realität des Anschauens. Anschauen ist aber nichts Passives. Die Anschauung realisiert sich im Gehirn. [...] Nicht das Resultat, das stehende Bild, sondern der Vorgang der Verbildlichung, in dem sich die Wahrnehmung generiert, versichert diese der Realität, aus der heraus wir unser Wahrnehmen fundieren können. Die Anschauung wird durch Anschauung erweitert"

Hier könnte es jetzt aus Sicht der Neurowissenschaften physiologisch weitergehen und ich könnte Ihnen konkret oder metaphorisch die Wanderung der Bilder entlang unserer Sehbahn beschreiben, von der Netzhaut zu Bereichen des visuellen Kortex, die für Richtungen, Kontraste und Farben zuständig sind bis in die Hirnregionen der emotionalen Verarbeitung von Bildern und deren Erinnerung.

Es gibt viele Untersuchungsmethoden in den Neurowissenschaften. Die sog. Bildgebung ist sicherlich eines der Hauptverfahren. Von Bildgebung spricht man, wenn man technische, z.B. radiologische oder nuklearmedizinische Verfahren der bildhaften Darstellung innerer Strukturen und Prozesse, meint. Ein Beispiel ist die Kernspintomographie. Bei den bildgebenden Verfahren bedienen sich die Neurowissenschaften mathematischer Transformationen, um Aktivierungen und Deaktivierungen sowie mit einander gekoppelte Aktivitäten in verschiedenen Regionen und Netzwerken des menschlichen Gehirns darzustellen. 

Diese Bilder vom menschlichen Denken, Fühlen und Handeln entstehen in einer im Grunde sehr artifiziellen Situation. Der Mensch liegt in einem engen Tunnel in einer gewaltigen und lauten Maschine, dem Kernspintomographen und soll bestimmte Aufgaben bearbeiten oder auf Stimuli reagieren. Bei einem anderen Ansatz soll er die Augen schließen und z.B. an nichts Bestimmtes denken, um das Gehirn in diesem Zustand abzubilden. 

Versuchen Sie mal an nichts Bestimmtes zu denken … besonders wissenschaftlich klingt das nicht.

Es ist heute möglich dem Menschen im Scanner eine Decalcage von Gaigl zu zeigen und die Reaktion auf das Bild zu messen. Es ist auch möglich den Künstler und den Betrachter des entstandenen Bildes gleichzeitig in zwei miteinander verbundenen Scannern zu untersuchen, um eine Art Essenz ihrer Interaktion darzustellen – Hyperscanning nennt man diesen Ansatz, der z.B. zur Untersuchung von Situationen, in denen zwei Menschen miteinander spielen, verwendet wird. 

Bei bildgebenden Untersuchungen wird der Verlauf der Aktivität des Gehirns anhand physikalischer Parameter gemessen und gespeichert. Stunden bis Jahre später werden die riesigen Datensätze rechnerisch aufbereitet und analysiert. Die Ergebnisse werden wieder auf der Basis mathematischer Grundlagen in Bilder transformiert. Dabei werden Bilder nicht nur anhand wissenschaftlicher, sondern auch ästhetischer Kriterien ausgewählt. Über diese ästhetischen Kriterien schweigen Wissenschaftler gewöhnlich – würden wir in eine wissenschaftliche Veröffentlichung so etwas schreiben wie: „Die deutlichsten Aktivierungen wurden in den wunderbarsten Farbtönen von Kaminrot bis Purpur dargestellt“? Nein, Wissenschaftler verwenden wissenschaftliche Termini – dennoch verhalten wir uns aber auch nicht völlig anders als diejenigen, die ihre Webseiten oder Fotoalben möglichst ästhetisch gestalten.

Die neurowissenschaftlich Bildgebung ist daher nicht umsonst als Technik in künstlerische Projekte vorgedrungen – Kernspinkunst – das gibt es.

Kehren wir zu den inneren und äußeren Bildern zurück. Sowohl Gerhard Richter als auch Georg Gaigl haben Atlanten. Bei Gaigl sind es Quellen-Dateien im Computer – gesammelte Bilder aus dem Öffentlichen und Privaten, die er durchforstet, aus denen er auswählt. Bezeichnenderweise werden diese Bildersammlungen Atlanten genannt, im Sinne einer Orientierungshilfe in der Welt, und nicht Kataloge oder Archive.

Jeder von uns trägt ebenfalls solche Atlanten in sich und findet sich damit in der Welt zu Recht. Sie können innere Bilder aus Ihrem Leben, d.h. autobiographische Bilder, genauso wie Bilder aus der Öffentlichkeit abrufen. Sie können auch tatsächliche Landkarten abrufen und sich den italienischen Stiefel oder den Lauf der Isar vorstellen. 

Manche veröffentlichten Bilder vergisst man nicht mehr. Ich habe das berühmte Foto des 9-jährigen vietnamesischen Mädchens Kim Phuc, das Opfer eines Napalm Angriffes wurde und schreiend mit anderen Menschen die Straße entlangläuft, von dem damals 19-Jährigen Reporter Nick Ut fotografiert und dann gerettet, nie mehr vergessen. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, ob ich dieses Foto schon 1972 gesehen habe, als es erstmals veröffentlicht wurde, oder erst viele Jahre später, als ein Fotograph des „Stern“, das Mädchen in eine Unfallklinik nach Ludwigshafen brachte und dieses Foto wieder vielfach gezeigt wurde. Anders ist es z.B. mit den Bildern vom 11. September, von denen wir in der Regel genau wissen wann, wo und mit wem wir diese Bilder genau gesehen haben. Probieren Sie das aus. Auch glückliche und andere positive Erfahrungen, z.B. aus Zeiten des Sich-Verliebens, der Geburt von Kindern oder von besonders schönen Reisen können so hinterlegt sein.

Manche Bilder sind in uns, aber scheinbar vergessen oder zugedeckt; solange, bis wir Anstoß von Außen oder aus uns selbst erhalten, im inneren Atlas zu blättern und diese Bilder wieder zu entdecken. Die Bilder, die Sie hier sehen können solche Anstöße geben und es entstehen assoziativ Stimmungen, Gedanken und wiederum Bilder. Sie rätseln vielleicht, was Sie auf den Bildern sehen, versuchen etwas wiederzuerkennen und gehen dem Entstehenden nach.  

Georg Gaigl findet Bilder im Außen (aus Medien, aus privaten Fotosammlungen), nimmt sie in seinen Atlas, wählt sie wieder aus und bearbeitet sie digital, z.T. gezielt gestaltend, z.T. mit auf Zufall basierten Algorithmen. Es findet eine Interaktion zwischen dem Menschen und einer nach dem Vorbild des Gehirns gebauten Maschine, dem Computer, statt. In dieser Interaktion entstehen Collagen, die in Resonanz sind mit Bildern, die Gaigl in sich trägt, und die später auf ein Vielfaches vergrößert werden können. Der anschließende Prozess des Plottens, des Auftragens auf den Untergrund, das sehr körperlich mechanische Auflösen des Hintergrundes, die eigentliche Décalcage, zum Freilegen der Farbschichten ohne deren ursprünglichen Träger.

Zwischen den ersten Arbeitsschritten in der Entstehung der Bilder und Ihrem Blättern im eigenen Atlas heute Abend können Wochen bis Jahre liegen. Wahrscheinlich entsteht aber heute Abend der eine oder andere Zusammenhang zwischen beiden Prozessen. Einige von Ihnen werden Bilder oder Bilddetails von hier mitnehmen und ein Teil dieser Bilder kann wiederum den Weg in Ihren persönlichen Atlas finden. Dabei verlieren die entsprechenden Bilder nicht selten ihren präzisen zeitlichen und räumlichen Kontext und werden „uneindeutig“. Wie schon gesagt, wissen wir oft nicht, wo unsere inneren Bilder ursprünglich entstanden sind. Mitunter erfahren wir Bilder, die uns erzählt wurden, als selbst erlebte Bilder – mit erinnerten Bildern aus der eigenen Kindheit kann das so sein, und andererseits werden unzählig viele reale Bilder tatsächlicher Ereignisse vergessen, sogar Bilder traumatischer Erfahrungen. 

„Fact or Fake“? Die aktuelle Thematik kennen Sie – wenn das so einfach wäre – gerade die Kunst und genauso die Neurowissenschaften erinnern uns an Unschärfe und Ambiguität. Diejenigen, die „Fact or Fake“ am stärksten polarisieren, sind in einer uneindeutigen Welt verwirrt und müssen alle Mittel aufbieten, um Facts zu erzwingen und aufrechtzuerhalten. Eine derartig erzwungene Eindeutigkeit betrachten wir mit Befremden, können sie nicht teilen und erleben sie zu Recht als für uns bedrohlich. Die kurzzeitige Herstellung von Eindeutigkeit bezüglich zurückliegender Ereignisse und Erlebnisse ist kein herrschender Zustand, sondern Ergebnis eines sozialen Prozesses, einer dynamischen Einigung unter einander oder reflexiv mit uns selbst.  

Frank Padberg

 

 

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Schemen“ von Ulla Reiter und Georg Gaigl am 09. November 2013
Dr. Karin Dohrmann

 

Wenn Sie heute die Galerie in der Alten Brennerei betreten, stoßen sie auf monströse Gestalten umgeben von skurrilen Naturkulissen. Der „Five Headed Conductor“ wandelt durch die medialen „Lichtungen“ des „Cosmic Wood“ und lässt die Schaumstoff-gewordenen Nacktbadenden des „Englischen Garten“ hinter sich. Ein Zerrbild „Ländlicher Kultur versus urbaner Landschaften“ !

Aber ist das so? Ist der momentane Anschein der kurze visuelle Eindruck die einzige Wahrheit? In unserer schnelllebigen Welt, in der wir mit unseren Smartphones nur noch Erinnerungsbilder schießen, Schnappschüsse unseres Lebensweges in der Cloud sammeln, geben wir uns nur noch mit Oberflächen, mit vermeintlichen Eindeutigkeiten ab. Meta-Informationen werden uns von Medienprofis im Vorbeigehen ins Hirn gepflanzt oder und dessen macht uns diese Ausstellung bewusst müssen erforscht werden, wofür man sich Zeit nehmen muss.

Das Monster hat nämlich einen Titel „Dirigent“ und wird von einem mehrköpfigen Wesen begleitet, das den Einen an einen Avatar im Videospiel, den Anderen an einen Zerberus aus der griechischen Mythologie erinnert. Damit macht Ulla Reiter deutlich, dass alle modernen Mythen, der Manga – wie auch der „real- world“ – in der antiken Kultur verwurzelt sind und von dort auch ihre kreativen Ideen speisen. Hinter dem einfachen Anschein liegt immer ein Geflecht kultureller Identität, Tradition und erlernter Sehgewohnheiten. So verwundert es nicht, dass ihre Apokalyptischen Reiter von Albrecht Dürer, Star Trek und Worlds of Warcraft inspiriert sind. Vielleicht sind die Apokalyptischen Reiter ein Sinnbild unserer heutigen Zeit, denn in einer Welt, in der sich Individuen fundamental im innersten Kern ihrer Identität bedroht fühlen und zu einer Art Bewegung zusammenfinden, wird die Apokalyptik geboren. Apokalypse aber leitet sich vom griechischen Wort für „Enthüllung“ ab. Und das veranschaulichen die Werke von Ulla Reiter und Georg Gaigl, sie enthüllen das „Unsichtbare hinter dem Sichtbaren“.

Wenn man sich von der beeindruckenden Monumentalität des „Dirigenten“ nicht abschrecken lässt, dann nimmt man wahr, dass seine Geste keine Bedrohende, sondern eine Einladende ist. Nimmt man sich die Zeit, seine Details zu erforschen, so wirkt er mit seiner barocken Perücke geradezu väterlich. Die animalischen Anteile seiner Komposition haben dann keine gefährdende, sondern eine schützende Wirkung. Eine Akzeptanz von menschlichen und tierischen Anteilen macht den homo sapiens erst zu einem vollkommenen Wesen! In ihren Zeichnungen und Keramiken werden diese animalischen Anteile zu tierischen Begleiter des Menschen, seinem Schutz- oder Totem-Tier.

Georg Gaigl schafft in seinen Bildutopien poetische Landschaften, die eine Reflexion auf die Bildwelten unserer Zeit darstellen. Er konfrontiert den Betrachter mit seinen Medien geprägten Sehweisen und hinterfragt unsere wahrgenommenen Realitäten. Was so eindeutig sichtbar ist, entzieht sich immer wieder der Wahrnehmung – wird „Schemen“-haft. Was auf den ersten Anschein eindeutig erscheint, ein Wald, eine Blume, wird beim Herangehen nicht mehr greifbar. In Wirklichkeit nutzt Georg Gaigl herangezoomte Bildausschnitte wie einen Malkasten um seine Bildmotive zu kolorieren. Das was den Baum füllt ist kein Baum! Ebenso ergeht es dem Betrachter mit der Interpretation des Bildinhalts. Die so offensichtlichen Versatzstücke, eine schreitende Frau (aber geht sie auf einem Steg übers Wasser?), eine schlafende Person im Hintergrund (träumt sie oder ist sie entschlafen?), asiatische Zeichen, ein Segelboot (eine Welt-Reise?) und ein Spaceshuttle, schicken den Betrachter mehr auf eine eigene Assoziations-Reise als klare Aussagen zu liefern. Oder wie Georg Gaigl selbst formulierte: “Bei genauer Betrachtung werden scheinbar vertraute Einzelheiten, die einst Teil eines Ganzen waren, mit ihrer Zusammenhanglosigkeit konfrontiert.“ Im Oberlichtraum erwartet sie ein Relief aus „Schemen“ – Erinnerungsfetzen des Künstlers, die einem vertraut, völlig fremd oder gar verstörend erscheinen. In jedem Betrachter läuft ein anderer Film am inneren Auge vorbei, entsteht eine andere Geschichte eigener Assoziationen.

Beide Künstler nutzen Materialien unserer Wegwerfgesellschaft, Ulla Reiter das Verpackungs- und Füllmaterial Schaumstoff und Georg Gaigl die Medienbilder unserer digitalen Kommunikation. Beide stehen mit beiden Beinen fest in unserer modernen Welt und dennoch sind beide Meister im klassischen Sinne der Kunst. Georg Gaigl hat für seine Bilder eine eigene Decalcage-Technik entwickelt. Dazu werden die digital-komponierten Bilder ausgedruckt, mit der Bildseite auf einen Holzträger geklebt und dann in langer meditativer Handarbeit die Papier-Rückseite abgerubbelt. Das Bild wird freigelegt und dabei auch Verletzungen auf der Bildoberfläche in Kauf genommen. Die Spuren der Hand und die Rückstände des aufgeweichten Papiers verleihen den Bildern eine weiche, haptische Textur, die den digitalen Hintergrund vergessen lassen.

Ulla Reiter ist nicht nur eine hervorragende Zeichnerin, die diesem Medium auch wieder monumentalen Raum gibt, sondern dazu eine ausgezeichnete Bildhauerin, die die Oberflächenwirkung der unterschiedlichen Materialen sei es Ton oder Schaumstoff in brillanter handwerklicher Technik zur Geltung kommen lässt. Diese Verortung im modernen Hier und Jetzt und die hohe handwerkliche Meisterschaft machen für mich Ulla Reiter und Georg Gaigl zu Ausnahme-Künstler auf deren weitere Werke und Entwicklungen ich mich schon mit Spannung freue! Daher schicke ich Sie mit einem Zitat von Georg Gaigl in die Ausstellung:

„Allein das Erlebnis zählt. Das damit verbundene Gefühl von Faszination des Augenblicks wird Ihnen wohl in guter Erinnerung bleiben.“ 

Eröffnungsrede zur Ausstellung „flair -  Decalcagen“ von Georg Gaigl am 12.03.2010 ars agenda München

 

Dr. Karin Dohrmann

 

… denn der Gedanke ist kurzlebig, das Bild ist absolut. Andreij Tarkovskij


Diese Erkenntnis von Andreij Tarkovskij, die du als Statement für deinen Katalog gewählt hast, mag uns im Zeitalter kurzlebiger Bilder und rasender Gedanken geradezu historisch anmuten. Unsere heutigen Medien sind ja regelrechte Teilchenbeschleuniger von Bildern und doch sind es gerade diese Medien, die Georg Gaigl als Ideenwelt für seine Kunst

dienen. Dabei können Sie in dieser „Werkschau“ erkennen, welchen Weg Georg Gaigl in den letzten 10 Jahren beschritten hat.


Georg Gaigl ist, solange ich ihn kenne, ein Wanderer zwischen zwei künstlerischen Welten, die er in einer beeindruckenden Weise für seine Kunst einsetzt. Da ist auf der einen Seite der klassische Künstler, der das gängige Rüstzeug - die klassische Bildkomposition, eine malerische Farbauffassung und Handarbeit im wahren Sinne des Wortes zur Herstellung

seiner Werke einsetzt. Und auf der anderen Seite der moderne Künstler, der ganz zeitgemäß Computer, Plotter und Bild- und Bearbeitungsprogramme für seine Kunst nutzt. In dieser Ausstellung werden sie feststellen, welch unterschiedliche Empfindungen die diversen Kombinationen seiner Techniken erzeugen.


Auf dem kleinformatigen Bild „o.T.“ von 2000 kann man noch deutlich erkennen, dass Georg Gaigl in einer klassischen Collage-Technik, Risse aus Magazinen und Zeitungen als Grundlagen für seine Bildkompositionen nutzt. Die farbigen Ausschnitte der Magazine legen dabei die Basis für das abstrakte Farbwerk, während die Worte der Zeitungsausschnitte den Betrachter für eigene Assoziationen sensibilisieren. Die Zeitung von gestern wirkt dabei wie ein Relikt einer vergangen Kultur, der Betrachter wird zum Archäologen und auf die Entdeckungsreise seiner eigenen Vergangenheit geschickt, da das Bild als Initialzünder individuelle Erinnerungen aufsteigen lässt.


Daneben sehen sie das neuste Werk der Ausstellung i31. Fast 10 Jahre liegen zwischen beiden Bildern und machen die Entwicklung in Georg Gaigls Werk deutlich. Zeigt sich in seinen Decalcagen noch das ganze Spektrum seiner Handarbeit in der samtenen

Oberfläche, die einem geradezu zum Anfassen animiert, den Verletzungen am hauchdünnen Bildträger, der der Bearbeitung nicht stand hielt, so hat man bei i31 den Eindruck man betrachtet ein Bild auf einem großen hochglänzenden Bildschirm. Die Farben, die bei o.T. durch einen weißlichen Schleier gedämpft wirken und die farbigen Flächen und Komponenten miteinander verschwimmen lassen, stehen im deutlichen Kontrast zur Farbwirkung bei i31, in der klar definierte Farben in exakt umrissenen Flächen stehen und durch den Duktus der bewegten Linien miteinander in Verbindung treten. Die kräftige Farbigkeit, die durch das Plexiglas noch verstärkt wird, wirkt sich fast schmerzhaft auf den Sehnerv aus.

Ich möchte ihnen erklären, wie die Technik diese unterschiedlichen Eindrücke erzeugt, mit denen der Künstler sie auch bewusst konfrontiert.

Während das Bild o.T. als klassische, auf Papier geklebte Collagen entstand, die eingescannt, nochmals am Computer bearbeitet und dann ausgedruckt wurde, sind hingegen die Bilder der Serie Lichtungen 2008 schon rein am Computer generiert worden.

Dazu nutzt Georg Gaigl ein digitales Farbarchiv, das er auf seinen Reisen durch das Internet gesammelt hat. Wie ein Maler nutzt er diese Farbpalette, um damit die digitale „Naturwelt“ zu

kolorieren. Man hat das Gefühl durch die Matrix einer Lichtung zu schreiten. Das Format der

Bilder suggeriert Bäume in Originalgröße, die einem den Eindruck vermitteln sich in einer digitalen Natur zu bewegen. Hat Georg Gaigl in den früheren Bildern durch die Platzierung

eines einsamen Menschen in einer surrealen Welt den Betrachter auf eine assoziative Gedankenreise geschickt, so stellt er ihn nun selbst in diesen surrealen Raum. Durch die samtene Textur der Oberfläche wird man körperlich berührt. Das Bild nimmt geradezu dreidimensional den Raum in Anspruch, in dem man sich als Betrachter befindet. Diese sinnlichen Oberflächen werden durch die Zellreste erzeugt, die beim Freilegen der Rückseite

übriggeblieben sind. Denn bei den Decalcagen wird das ausgedruckt Bild en face auf einen Bildträger geklebt und dann die Rückseite in einer aufwändigen Handarbeit vom Papier befreit, bis das Motiv wieder zum Vorschein kommt. Die Handarbeit des Künstlers wird spürbar und sichtbar in Verletzungen. Der haptische Eindruck dieser Technik kommt beim Wandbild k1 noch mehr zu tragen, wo man sich geradezu mit einem alten Fresko konfrontiert fühlt, dem Klima und der Zahn der Zeit zugesetzt haben. Erst beim Herangehen kam man wahrnehmen, dass das Motiv mittels einer hauchzarten Folie auf der Wand liegt und der vermeintliche Verwitterungszustand durch die Hand des Künstlers erzeugt wurde.

 

Ganz anders ist der Eindruck, den i31 vermittelt. Durch die glatte hochglänzende Oberfläche des Plexiglases wird eine klare Trennung von Bild, Raum und Betrachter erzeugt. Das Bild wird in seiner Wirkung wieder zweidimensional. Georg Gaigl verzichtet vollständig auf Bildtitel und figürliche Komponenten. Die Bildsprache wird abstrakt und die Aufmerksamkeit ist auf die Komposition der Farbe gerichtet. Die Klarheit und Leuchtkraft der Farben, die Grenzen der Flächen, die in ihrer Staffelung eine perspektivische Wirkung erzeugen, aber einen nach innen in den künstlerisch begrenzten Raum und die irritierenden Bewegungen, die durch den Duktus der Linien hervorgerufen werden, dominieren den visuellen Eindruck. In ihrer fast marktschreierischen Mächtigkeit, erfassen Einen die Farbwerte, erzeugen Gefühle. Die Technik ist die unserer modernen Medien, in der schnelle, laute und farbig eindrucksvolle Bilder ihre Spuren in unseren Sehgewohnheiten hinterlassen. Während auf einem orientalischen Bazar alle Sinne – riechen, fühlen, schmecken, sehen – angeregt

werden, reduzieren sich die Erlebnisse des modernen Menschen auf die visuellen Sinne. Ob Werbung für Parfüm oder Weichspüler, alles muss visuell vermittelt werden. Die Bilder müssen über unser visuelles Sinnesorgan emotionale Reaktion für unsere stillgelegten Sinnesorgane erzeugen. Meist in einer Form, in der der Betrachter einer professionellen farbpsychologischen Manipulation ausgesetzt wird. Somit erscheint i31 geradezu als ein Spiegel, den Georg Gaigl dem modernen Betrachter vorsetzt.

 

Und die Entwicklung geht ja auch immer weiter – hin in Richtung rein digitaler Kunst.

So konstatierte zur Milleniumswende der Kunsttheoretiker Julian Stallabrass in seinem Werk

„Internet Art: the online Clash of Culture and Commerce 2000“, dass eines der Paradoxa zeitgenössischer Kunstproduktion sei, dass sie bereits dematerialisiert ist. Dass sie genau betrachtet nur noch aus Daten besteht und sich erst auf einem Monitor wieder materialisiert. Und da immer mehr Leute große Bildschirme in ihren Wohnungen hängen habe, die wie leere Gemälderahmen nach Füllung lechzen, wird sich die Nachfrage nach hochauflösenden

Dateien von Gemälden und Fotografien erhöhen. Aber nicht nur nach statischen, sondern auch nach bewegten Bildern. Und auch in diesem Bereich ist Georg Gaigl ein Künstler unserer Zeit, denn parallel zu seinem „malerischen Werken“ hat er sich auch in der Videokunst kreativ ausgelebt. Schnelle Bilder, die verbunden mit Musik oder gesprochenen Text, Kunst nicht nur zu einem visuellen, sondern auch zu einem ganzkörperlichen Erlebnis machen. Und das ist letztendlich auch das Ziel von Georg Gaigl, „das Erlebnis zählt“. Das damit verbundene Gefühl von der Faszination des Augenblicks, der einem in guter Erinnerung bleibt.

Und so möchte ich Sie auffordern sich für die Faszination des Augenblicks zu öffnen, auf das die Erlebnisse, die Sie mit dieser Ausstellung machen, in guter Erinnerung bleiben!

 


„staunend mich“

Dr. Karin Dohrmann

   

„Die Heimatlosigkeit beruht in der Seinsverlassenheit des Seienden.“

Dieser Spruch Martin Heideggers mag einem beim Betrachten der Décalcagen von Georg Gaigl in Erinnerung kommen. Georg Gaigl versteht sich allerdings nicht als Dokumentarist dieser Heimatlosigkeit, sondern macht sich auf die Suche nach dem Verbleib des Seienden - seiner Ideenwelt - in einer Welt generalisierter Bilder. Auf dieser Spurensuche dienen ihm die Abfallprodukte der Mediengesellschaft - Kopien von Fotografien, Magazinausrisse, Videostills und computer-generierte Darstellungen - als Bildquellen. Zentrales Thema in Georg Gaigls Werken sind die „soft facts“, die Gedanken, Lebensgefühle und Emotionen des Individuums. In Komprimierung auf das Wesentliche werden einzelne Figuren zu Trägern dieser Ideenwelt, die er der konzeptionellen Ordnung seiner Kunst zugrunde legt.


Auf Porträtformat herangezoomt entschwinden die Personen, am Bildrand platziert, nahezu dem Aktionsrahmen. Die Innenwelt der Akteure zeigt sich in Gesten von Schmerz, Trauer und Rückzug, die durch die „Perspektivlosigkeit“ des Hintergrundes affirmiert wird. Diese auf ihren emotionalen Zustand fokussierten Gestalten setzt er mit Textbausteinen in Bezug, die zum einen als Meinungsäußerungen des Künstlers, zum anderen als Initialzünder für neue Assoziationsfelder des Betrachters verstanden werden können. Die Worte tauchen aus dem abstrakten Hintergrund auf und sind daher mehr Teil der Bildkomposition denn reines Kommunikationselement. Fragmentiert und isoliert scheinen die Personen und selbst ihre Gesten in der expressiven Farbigkeit des undefinierten Raumes aufzugehen. Und dennoch erhöht der assoziative Charakter der Farben dieser surrealen Landschaftsfragmente die semantische Aussagekraft der Bildakteure. Die Verletzlichkeit des Menschseins, die Entfremdung, Sehnsucht und Verankerung des Individuums bringt Georg Gaigl durch die Interaktion von Geste und Text zum Ausdruck. Zur Abrundung dieser Imagination bricht er, durch die Bearbeitung des Bildmaterials, die Oberfläche auf, verursacht Risse und Löcher - Verletzungen, die auch vor den Figuren nicht halt machen.


Scheinen seine Individuen in der traumhaft-abstrakten Welt seiner frühen Bilder noch die Möglichkeit zu haben, ihre Gefühle ausleben zu können, wird ihnen in den neuen Werken dieser Raum mehr und mehr entzogen. Die Figuren entfernen sich, werden klein in einer perspektivlos wolkigen Atmosphäre. Ihre Gesten reduzieren sich und die Haltungen drücken mehr und mehr den Rückzug ins eigene Ich aus. In den neusten Werken erweitert Georg Gaigl seine Bildsprache durch die Aufnahme von Stadt- und Landschaftsansichten. Der Mensch verliert sich in der Zivilisation, ist ein Fremdkörper in ihr. Es sind Kulissen, die jederzeit ersetzt werden können und das Phänomen der Globalisierung verdeutlichen. Wo immer der Mensch sich aufhält, die Probleme und die Umgebungen gleichen sich überall auf der Welt. Die Stadt- und Landschaftskulissen werden zu Stimmungsträgern, zu Projektionsflächen einzelner Lebensfragmente. Die Texte erscheinen nun klar geordnet am Bildrand und fungieren als Untertitel zu Figur und Kulisse, bilden so vernetzt eine eigene Sprachform aus.


Von den Bildern der starken Gesten und Farben ist Georg Gaigl zur Darstellung beunruhigend vertrauter Landschaften in pastellenen Farben gelangt, in der das in sich zurückgezogene Individuum von seiner existentiellen Umwelt bedrängt wird. Die neusten Werke Georg Gaigls sind Reflexion der Globalisierung, sind Icons der Cocooning-Tendenzen unserer Gesellschaft.


Gedanken auf der Klippe, auf dem Sprung und im Vorbeiflug
 

Roland Scheerer


Gaigls oft tagelanges Hinrubbeln an einem Bild mit den Fingern: ein meditativer Vorgang, in dessen Verlauf angeweichte papierene Deckschichten abgetragen, Gaigls vom Computer geplottete Arrangements ganz manuell freigelegt werden, wobei feine Risse bleiben und hier und da ein milchiger Restfilm vom Papier; Décalcage nennt der Künstler diese Technik. Presse, Fernsehen, Internet liefern Material, liefern - so müssen wir das heute auch sehen - ihre Abfallprodukte; wir nehmen zunächst einmal Dinge wahr, die uns allen täglich offen stehen, in Gaigls Collagen aus ihren recht strikt voneinander getrennten seelischen, körperlichen, geistigen Bestandteilen.

Erstens, die Seele: Das Farbspiel in einem Zeitschriftenausriss, auf dem, sagen wir, ein Paar Toastbrotscheiben zu sehen waren, die jetzt, vom begrifflichen Schein als ihrer fragwürdigen Hülle befreit, Szenerie sind für - zweitens, den Leib: irgendwelche Personen, oft genug gerade qualifiziert durch die Art, in der sie sich auf einem Pressebild, in einer Filmszene abgewandt, vielleicht sich selbst zugewandt haben; Leute, die sich mal halb unter einer Bettdecke verkriechen und mal die Augen zuhalten, und die damit nunmehr Projektionsfläche werden für - drittens, den Geist, das heißt hier, jenes bisweilen fragmentarische, textlich-typographische Element, welches (a) in einer chirurgischen Operation der vom Ursprünglich-Falschen, nein, vom Ursprünglich-Billigen befreiten Hülle eingepflanzt und mit den lauffähigen Organen des sich abwendenden Lebewesens gekoppelt wurde, womit neue Ganzheit hergestellt ist; das dabei aber (b) zugleich Bildunterschrift und Kommentar zu jener durch es selbst mitkonstituierten Ganzheit ist, einschließlich der Möglichkeit von Ironie; oder auch (c) Werkstattnotiz, vielleicht Partitur des bildnerischen Schaffensprozesses selbst; schließlich (d) Vorschlag, ja fluxushafte, teils in eine Art Imperativ gefasste (mit grammatischen Kategorien sind diese Texte freilich nur unzureichend beschreibbar) Anweisung an den Betrachter: halb als Bedienungsanleitung auf das Anschauen des Bildes selbst bezogen, halb vom Bild aus in die Welt gerichtet.

Es geht Georg Gaigl weniger um die Visualisierung einer allgemeinen, einem Menschen oder gar Menschentypen (mit dem wir uns nun mehr oder weniger identifizieren könnten) innewohnenden, sternzeichenhaft festgelegten Dauerschwingung, dauerhaften Gestimmtheit - wenngleich es darum freilich auch gehen muss, weil uns niemand eine Verallgemeinerung verwehren kann.

Erinnern wir uns aber vielmehr jener bestimmten Augenblicke, die wir alle erlebt haben, Momente zugleich hochgradiger Inspiriertheit wie innerer Blockade, Momente, in denen uns etwas zutiefst Wahres, hinsichtlich unserer augenblicklichen Situation unsagbar Zutreffendes, auf der Zunge lag: diese Sekunde, in der wir noch einmal zur Tür hinsahen, durch die jemand gerade hinausgelaufen war, dieser nicht messbare Zeitabschnitt, in dem wir, am Fluss entlanggehend, jenen zufälligen Ort passierten, oder in dem wir vor dieser Mauer standen und nicht mehr anders konnten als über uns selbst zu lachen und den Kopf zu schütteln, kurzum, Momente, in denen wir es für einen Sekundenbruchteil mit Händen hätten greifen können, Worte fanden sich in der Kürze nicht.

Solchen Momenten hat Georg Gaigl wie mit dem Instrumentarium dreier zusammengeschalteter, gleichzeitig ausgelöster Apparaturen nachgespürt: die eine, eine Kamera, hält die Kinesik eines Körpers, die zweite, ein Spektrophotometer, den Farbklang der Seele fest, die dritte, ausgefeilteste Apparatur schließlich, ein lyrisch arbeitender Sensor - Elektroden an der Schläfe? -, notiert mit weichem Bleistift Gedanken auf der Schwelle zur Verbalisierbarkeit, Gedanken auf der Kippe, auf dem Sprung und im Vorbeiflug, Gedanken in der Sekunde vor ihrem Wiederabtauchen; oft Wortfetzen wie sich auflösende Nebelbänke, Wortfetzen, verwandt mit jenen vereinzelten Textschwaden, die wir gelegentlich am Morgen, kurz nach dem Erwachen, noch im Kopf vorfinden.

Am Ende steht ein Schnappschuss, der nicht auf dem Wege des Schnappschusses herzustellen gewesen wäre und der sich deshalb als geplant erweisen muss, die Dokumentation eines rekonstruierten Augenblicks im Eigenleben dieses aus Körper, Geist und Seele neu zusammengesetzten und immer - wenn auch nicht deshalb - ein wenig verletzten lyrischen Ichs.

 


 

„szenenwechsel 03/04“ Farbe

Katalogtext von Dr Tobias Hoffmann zu

„THE SEPERATORSESSION“  Gaigl vs. Platzgumer

Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt




Die Einheit von bildender Kunst und Musik ist ein Ideal, das die Kunst des 20. Jahrhunderts immer wieder ans~ebte. Kandinsky setzte Töne mit Farben gleich, die Bauhausmeister und die Künstler der Gruppe De Stijl versuchten durch den Film Farbe und Formen Rhythmus zu geben und sie mit Musik zu verbinden. Aber auch in späteren Jahrzehnten spielte die Verbindung von Musik und bildender

Kunst immer eine Rolle, erwähnt sei hier nur die Fluxus-Kunst. Anlässlich der Szenenwechsel reihe zur Auseinandersetzung mit der Farbe stellte sich so die Frage nach einer aktuellen Form der Einheit von bildender Kunst und Musik.

Im Laufe der letzten 10 Jahre ist Dank der Entwicklung des Videobeamers eine neue Form der Kombination von Musik und bildender Kunst entstanden, die so genannten Visuals, die interaktive Zusammenarbeit eines DJ und eines Videokünstlers, eines VJ. Im Rahmen der Nacht der Museen

2003 stellte das Museum für Konkrete Kunst mit der Aktion Gaigl vs. Platzgumer - the seperator session ein Visual vor.

Für das Zusammenspiel von VJ und DJ ist bei Georg Gaigl und Hans Platzgumer immer die Musik der Ausgangspunkt. DJ Hans Platzgumer arbeitet dabei mit einer Klangcollage auf der Grundlage des drum‘n‘bass. Die strukturierten und systematischen Klänge des drum‘n‘bass bilden den Klanghinter- grund, das konstruktive Raster, in das als Gegenpol die unterschiedlichsten Klangsequenzen collageartig montiert werden. DieKlangcollage des DJist eine spannungsreiche Kombination von strukturiertem Raster _und scheinbar frei beigemixten unterschiedlichen Klangsequenzen.Die Kombination, die genaue Abfolge wann welche dieser Klangsequenzen zum Einsatz kommt, w!rd allerdings erst während der Aktion festgelegt.


Der VJ Georg Gaigl bekommt zur Vorbereitung auf die Aktion vom DJ die von ihm ausgewählten Versatzstücke der Collage zugänglich gemacht. Die Klangsequenzen werden zum Ausgangspunkt seiner eigenen Arbeit, für die er nun nach geeigneten Bildern sucht. Als Vorlage dienen Gaigl dabei abstrakte Farb- und Formabfolgen, sowie Bilder, die er aus wissenschaftlichen Filmen im Fernsehen abfilmt. In Vorbereitung auf die gemeinsame Aktion erstellt der VJ daraus ein Repertoire von Bildern und Bildsequenzen, noch ohne zu wissen, in welcher Reihenfolge sie zum Einsatz kommen.

Als Äquivalent zum Grundgerüst des drum‘n‘bass versucht der VJ eine Bild- oder Filmsequenz zu finden, die der rhythmischen Struktur der Musik entspricht.

Nachdem sich DJ und VJ für die gemeinsame Aktion auf ihren Rechnern einen Bilder- und Klangvorrat, die Tapes und die Tracks, angelegt haben, beginnt die eigentliche Arbeit erst mit dem Start des

Events. Auf der Grundlage des aufeinander abgestimmten Grundrasters aus Bild- und

Tonsequenzen, des rhythmischen Grundgerüsts, startet entweder der VJ oder der DJ mit der Life- Collage. Aus dem Repertoire werden nun Klangsequenzen eingespielt, auf die der VJ reagieren muss, oder umgekehrt spielt der VJ Bilder ein, auf die die Töne reagieren müssen. VJ und DJ nutzen dabei die Möglichkeit, die Farb- und Klangtöne noch spontan zu bearbeiten: Tapes und Tracks werden aufeinander abgestimmt, wobei jeweils 2 bis 3 gleichzeitig angespielt und mit dem Regler ineinander gemixt werden können. Die Kunst des VJ versucht durch das Motiv oder die schnelle Abfolge von unterschiedlichen Motiven, Cuts und durch farbliche Veränderungen die Musik zu visualisieren. Was die Abfolge der Bilder und die rhythmische Geschwindigkeit angeht, bleibt das Konstruktionsschema des drum‘n‘bass bestimmend. Die Geschwindigkeit der Cuts reißt dabei selbst die gegenständlichen Bilder so aus dem Zusammen- hang, dass der abgebildete

Gegenstand neutralisiert wird. Er wird nicht mehr erzählerisch wahrgenommen, sondern nur noch als ästhetisches Ereignis.


 

In dem Zusammenspiel von VJ und DJ entsteht eine ephemere Collage, deren Bestandteile Farbe, Rhythmus und Töne sind. Wesen dieser Collage ist das Zusammenspiel von Improvisation und strukturierter Abfolge, dem Rhythmus des drum‘n‘bass und dem äquivalenten Rhythmus von Farb- und Bildsequenzen. Im Wechselspiel-von Struktur und Improvisation versuchen Ton und Bild eine Einheit

zu bilden. Die auf Struktur und Rhythmus basierende Einheit von Bild und Ton macht diese ephemere Kunst für das Museum für Konkrete Kunst besonders interessant, wird hier doch auf

Farb- und Formstrukturen aus der Konkreten Kunst zurückgegriffen, auf Variatiön und Permutation von Farben und Formen. Wie in den frühen experimentellen Filmen des Bauhaus und von De Stijl‘ bringt der VJ diese Form- und Farbstrukturen in Bewegung, zeigt Variation und Permutation in Bewegung. Hatte man bisher.,immer versucht, die Farb- und Formstrukturen dieser

experimentellen Filme mit Zwölftonmusik oder Jazz zu kombinieren, so scheint die Musik nun nach achtzig Jahren in dem extrem auf Rhythmus und Struktur basierenden drum‘n‘bass die passende Entsprechung gefunden zu haben, zumal man selbst im d!um‘n‘bass eine Weiterentwicklung der Musique Concr~te sehen kann.2

Die Darstellungen von Variation und Permutation sind jedoch auf die Spitze getrieben, indem sie sich in Geschwindigkeit und Rhythmus dem drum‘n‘bass anpassen. Die schroffen Klangcollagen und die Videobeats stellen die Wahrnehmung des Menschen bewusst vor elementare Probleme. Es entsteht eine Collage am Rande der Wahrnehmbarkeit. In der rasanten Abfolge der Bildsequenzen versucht der Betrachter Zusammenhänge herzustellen und wiederkehrende Motiv miteinander zu verbinden. Auch die bewusst eingesetzte extreme lautstärke steigert die Reizüberflutung.

Das Zusammenspiel von VJ und DJ kommt dem schon,yon der Technobewegung angestrebten Ziel näher, durch die Oberbeanspruchung der Sinne den Menschen in einen Zustand hoher Sensibilität und anhaltender Wachheit zu versetzen.

Im Zusammenspiel von Farbe, Formen, Struktur und Klängen werden ephemer Ziele verwirklicht, die wie erwähnt im Bauhaus- und De Stijl aber z.B. auch in der Op Art angelegt waren.