Statement Georg Gaigl

 

 

 

Szene eines Atelierbesuches: Ein älteres Ehepaar steht in meinem Atelier und betrachtet interessiert einige Bilder. Er erkundigt sich nach der technischen Machart, sie lässt die Bilder auf sich wirken – still und ruhig. Nach und nach ziehe ich frühere Arbeiten hervor, um die technische Entwicklung aufzuzeigen. Der Raum füllt sich allmählich mit unterschiedlichen Arbeiten in verschiedenen Formaten. Er selbst sei in der Branche für die Verarbeitung edler Hölzer tätig gewesen und finde deswegen meine Herangehensweise sehr spannend. Die handwerkliche Umsetzung der Technik Décalcage gefalle ihm sehr, auch wenn er von Kunst leider nur wenig verstehe, im Gegensatz zu seiner Frau. Als die beiden im Begriffe sind sich zu verabschieden, macht sie nochmals einen Schritt zurück und deutet auf ein Bild, vor dem sie länger stand, und meint: „Das bin ich – die Frau auf dem Bild, das bin ich!“ Und verlässt lächelnd das Atelier.

 

Mich faszinieren Kunstwerke, die mehr geben als sie zeigen, die mehr sind als sie scheinen, die man erkunden und erobern kann, die über Jahre wirken und sich immer neu erfinden können, für die es eines besonderen Gefühls, eines Gespürs für Unbegreifliches bedarf. „Kunstwerke sagen, was mehr ist als das Seiende, einzig indem sie zur Konstellation bringen, wie es ist, ‚Comment c’est’.“ (Adorno) Die materielle Vielschichtigkeit meiner Kunst steht gleichsam für einen vielschichtigen Deutungszusammenhang, der durch die Wahl der Titel unterstrichen wird, poetischen Äußerungen gleich. Es geht also darum, Kunst als Zusammenspiel von Künstler, Medium und Rezipienten zu verstehen. Der Konstruktionsprozess von Realität bzw. scheinbarer Wahrheit spiegelt sich auch in der Entstehung, in der spezifischen Machart meiner Kunst: Die Fotografie als Grundlage meiner Arbeit suggeriert scheinbar einen Bezug zur Realität, die allerdings erst durch den Betrachter selbst entstehen kann und auf diese Weise das Ästhetische an der Kunst erleben lässt. Die fotografischen Vorlagen unterschiedlichster Quellen absorbiere ich anhand von Details, die mich ansprechen: Farben, Formen, Nebensächliches von Bildmaterialien aller Art. Der Arbeitsprozess basiert auf Auswahl, Verdichtung sowie künstlerischer Intuition und ist somit ebenso offen und frei wie die Wahrnehmung des entstandenen Kunstwerks, das dem Betrachter als individuelle Projektions- bzw. Reflexionsfläche dienen soll. Dadurch sind immer wieder neue Zusammenhänge und subjektive Berührungspunkte zu entdecken, die man in meinem künstlerischen Schaffensprozess in dem Spannungsfeld zwischen  Komposition und Zufall wiederfindet. Aus diesem Kontrast resultiert nicht zuletzt die spezifische Offenheit meiner Bilder für den Betrachter. Die Besonderheit meiner Arbeitstechnik, die ich Décalcage nenne, besteht darin, dass die am Computer angefertigten Bilder in der gewünschten  Größe auf einem Papier mit UV-beständigen Farben geplottet und mit der Bildseite auf eine Holzplatte geklebt werden. Nach dem Trocknungsprozess wird der Zellstoff von der Rückseite des aufgetragenen  Papiers abgelöst. Dabei entstehen zufällige Schrammen, Risse, Ritzen. Kleinste Papierreste  klammern sich an das Bild. Die Oberfläche des Holzes trägt zusätzlich dazu bei, dem digital gestalteten Ausgangsbild eine ästhetische  Präsenz und malerische Struktur und Qualität zu verleihen.

 

Statement Georg Gaigl


 

 A scene of a studio visit: They stand in the studio and regard my pictures with interest. He inquires about the technical implementation; she takes the pictures in – calmly and quietly. Gradually, I fill the room with various previous works with different formats by placing them against the walls or on the shelves. He – a retired practitioner, experienced in the art of wood processing –carefully listens to my elaborations on the technical process of creating the pictures, the so-called Décalcage. Even though – unlike his wife - he has a restricted understanding of arts, the craft appeals to him. As they are about to leave, I realize that one picture in particular seems to have captured the woman’s imagination. She takes a step back, points at the picture and addresses me: “That is me – the woman in the picture is me.”


I have always been fascinated by works of art which hold a deeper meaning than one can grasp at first sight, which can be explored and conquered, which can be fascinating for years and shine in a new splendor again and again; works which demand a particular understanding of the incomprehensible. “Works of art express more than what exists, solely by configuring how it is, ‚Comment c’est’.“ (Adorno) The material complexity of my art, accordingly, represents the multifaceted context of interpretation, which is emphasized by the choice of titles, resembling poetic expressions. The point is to understand art as the interaction between artist, medium and recipient.


The construction of reality or apparent truth, respectively, is reflected in the very specific way my art is created: Being based on photography, my works of art suggest a connection to reality. This reality, however, can only come to life by the audience, and thus leads to the aesthetic enjoyment of the art. Among the various photographic templates, I select the ones which appeal to me the most, mainly because of details like colours, forms, or even trifles. The work process is based on the premises of selection, consolidation and artistic intuition, and is therefore just as unattached and unrestricted as the perception itself. The art is supposed to function as a foundation for individual projection or contemplation, respectively. In doing so, new potential coherences and subjective points of contact can be discovered within the conflict of composition and coincidence. Through this contrast, my pieces are particularly open for interpretation by the viewer.


For this unique technique – which I call Décalcage – the photographs that are crafted on the computer are plotted on a UV-proof piece of paper and then glued onto a wooden panel. After drying, the cellulose is removed from the back of the paper, thereby creating random scratches, fissures and cracks. Miniscule residues of the image, however, remain attached to the paper. The unique properties of the wooden canvas serve to give the digitally crafted picture an aesthetic presence and a picturesque structure and quality.