aggregatzustand

an der stelle- die zeit derstein, Décalcage auf Holz, 125 cm x 185 cm, 2006


Auswahl aggregatzustand

an der stelle - die zeit derstein


 

KONTEXT

 

 Gedanken auf der Klippe, auf dem Sprung und im Vorbeiflug

 

Roland Scheerer


Gaigls oft tagelanges Hinrubbeln an einem Bild mit den Fingern: ein meditativer Vorgang, in dessen Verlauf angeweichte papierene Deckschichten abgetragen, Gaigls vom Computer geplottete Arrangements ganz manuell freigelegt werden, wobei feine Risse bleiben und hier und da ein milchiger Restfilm vom Papier; Décalcage nennt der Künstler diese Technik. Presse, Fernsehen, Internet liefern Material, liefern - so müssen wir das heute auch sehen - ihre Abfallprodukte; wir nehmen zunächst einmal Dinge wahr, die uns allen täglich offen stehen, in Gaigls Collagen aus ihren recht strikt voneinander getrennten seelischen, körperlichen, geistigen Bestandteilen.

Erstens, die Seele: Das Farbspiel in einem Zeitschriftenausriss, auf dem, sagen wir, ein Paar Toastbrotscheiben zu sehen waren, die jetzt, vom begrifflichen Schein als ihrer fragwürdigen Hülle befreit, Szenerie sind für - zweitens, den Leib: irgendwelche Personen, oft genug gerade qualifiziert durch die Art, in der sie sich auf einem Pressebild, in einer Filmszene abgewandt, vielleicht sich selbst zugewandt haben; Leute, die sich mal halb unter einer Bettdecke verkriechen und mal die Augen zuhalten, und die damit nunmehr Projektionsfläche werden für - drittens, den Geist, das heißt hier, jenes bisweilen fragmentarische, textlich-typographische Element, welches (a) in einer chirurgischen Operation der vom Ursprünglich-Falschen, nein, vom Ursprünglich-Billigen befreiten Hülle eingepflanzt und mit den lauffähigen Organen des sich abwendenden Lebewesens gekoppelt wurde, womit neue Ganzheit hergestellt ist; das dabei aber (b) zugleich Bildunterschrift und Kommentar zu jener durch es selbst mitkonstituierten Ganzheit ist, einschließlich der Möglichkeit von Ironie; oder auch (c) Werkstattnotiz, vielleicht Partitur des bildnerischen Schaffensprozesses selbst; schließlich (d) Vorschlag, ja fluxushafte, teils in eine Art Imperativ gefasste (mit grammatischen Kategorien sind diese Texte freilich nur unzureichend beschreibbar) Anweisung an den Betrachter: halb als Bedienungsanleitung auf das Anschauen des Bildes selbst bezogen, halb vom Bild aus in die Welt gerichtet.

Es geht Georg Gaigl weniger um die Visualisierung einer allgemeinen, einem Menschen oder gar Menschentypen (mit dem wir uns nun mehr oder weniger identifizieren könnten) innewohnenden, sternzeichenhaft festgelegten Dauerschwingung, dauerhaften Gestimmtheit - wenngleich es darum freilich auch gehen muss, weil uns niemand eine Verallgemeinerung verwehren kann.

Erinnern wir uns aber vielmehr jener bestimmten Augenblicke, die wir alle erlebt haben, Momente zugleich hochgradiger Inspiriertheit wie innerer Blockade, Momente, in denen uns etwas zutiefst Wahres, hinsichtlich unserer augenblicklichen Situation unsagbar Zutreffendes, auf der Zunge lag: diese Sekunde, in der wir noch einmal zur Tür hinsahen, durch die jemand gerade hinausgelaufen war, dieser nicht messbare Zeitabschnitt, in dem wir, am Fluss entlanggehend, jenen zufälligen Ort passierten, oder in dem wir vor dieser Mauer standen und nicht mehr anders konnten als über uns selbst zu lachen und den Kopf zu schütteln, kurzum, Momente, in denen wir es für einen Sekundenbruchteil mit Händen hätten greifen können, Worte fanden sich in der Kürze nicht.

Solchen Momenten hat Georg Gaigl wie mit dem Instrumentarium dreier zusammengeschalteter, gleichzeitig ausgelöster Apparaturen nachgespürt: die eine, eine Kamera, hält die Kinesik eines Körpers, die zweite, ein Spektrophotometer, den Farbklang der Seele fest, die dritte, ausgefeilteste Apparatur schließlich, ein lyrisch arbeitender Sensor - Elektroden an der Schläfe? -, notiert mit weichem Bleistift Gedanken auf der Schwelle zur Verbalisierbarkeit, Gedanken auf der Kippe, auf dem Sprung und im Vorbeiflug, Gedanken in der Sekunde vor ihrem Wiederabtauchen; oft Wortfetzen wie sich auflösende Nebelbänke, Wortfetzen, verwandt mit jenen vereinzelten Textschwaden, die wir gelegentlich am Morgen, kurz nach dem Erwachen, noch im Kopf vorfinden.

Am Ende steht ein Schnappschuss, der nicht auf dem Wege des Schnappschusses herzustellen gewesen wäre und der sich deshalb als geplant erweisen muss, die Dokumentation eines rekonstruierten Augenblicks im Eigenleben dieses aus Körper, Geist und Seele neu zusammengesetzten und immer - wenn auch nicht deshalb - ein wenig verletzten lyrischen Ichs.

 

 

                                                                                                       

 Fotografien: Christian Hübner